Login

Rede zur Aufnahme der JungbürgerInnen in Ramlinsburg

Bálint Csontos

Co-Präsident junges grünes bündnis nordwest
Vorstand Trinationaler Atomschutzverband TRAS
Gemeinderat Ramlinsburg

Kantonsfusion statt Kernspaltung!

Kontakt: 079 956 52 81 | [javascript protected email address]

Eines kann ich euch gleich versprechen: 18 zu werden, ist noch lange kein Grund, sich der sogenannten Vernunft zu unterwerfen. Ich zumindest kämpfe dagegen. «Sogenannte Vernunft» deshalb, weil die Vernunft seit der Aufklärung mehr und mehr einen inhaltsleeren Charakter angenommen hat. Heute trägt sie den Beigeschmack effizienter Organisation, angepasster Verhaltensweisen und eben vernünftiger Einordnung in die rationalisierte Produktion. Demgegenüber habt ihr als Bewohner des reichen Teils der Erde die Möglichkeit, das Richtige zu tun. Im Idealfall gelingt es uns natürlich, den Begriff von Vernunft wieder stärker auf die Seite der objektiven Wahrheit, des «Richtigen» zu ziehen. Bis dahin gilt aber: Lasst euch nicht unterdrücken von der falsch verstandenen Vernunft, sondern tut ganz einfach das Richtige.

Die Wohlfühlversion wäre hier zu Ende, folgen würden erneute Gratulationen und möglicherweise noch die Mahnung, regelmässig die Gemeindeversammlung zu besuchen. Da die Welt aber manchmal schonungslos ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, auf zwei Worte näher einzugehen:

1.       Tradition

Es hat ja zu recht etwas von einem feierlichen Akt, wenn ihr hier im Kreise der Erwachsenen willkommen geheissen werdet. Freut euch. Trotzdem dürfen wir dabei nicht vergessen, dass Zeremonien, Tradition immer auch ein Ausdruck von Macht sind. In diesem Fall wird - etwas zugespitzt - mit einem gönnerhaften Initiationsschauspiel vermittelt, dass euch die Bürgerinnen- und Bürgerrechte, die ihr nun geniesst, verliehen werden. Dass es also über der Gesellschaft der Individuen, die ihr Leben über die Demokratie regelt, noch eine höhere Macht gebe, die solche Rechte gewähren oder nicht gewähren könnte. Wie wir beim zweiten Wort sehen werden, ist das möglicherweise gar nicht so weit hergeholt. Im Zusammenhang mit der Herkunft der BürgerInnenrechte lohnt sich der Blick zurück: Erst mit der Französischen Revolution wurde der Zensus aufgehoben, das Stimmrecht war also nicht mehr an Finanzkraft gebunden. Und erst über 150 Jahre später, 1971 erkämpften sich die Frauen das Stimmrecht. Und genau das ist auch der Charakter der Bürgerinnenrechte. Sie wurden erkämpft, ein Kampf der heute noch auf der ganzen Welt ausgefochten wird. Und in der Schweiz sind 30 % der EinwohnerInnen nicht stimmberechtigt.

 

2.       Staat

Ihr seid jetzt Teil des Staates, der in der Schweiz wie nur in wenigen anderen Staaten die Manifestation einer Demokratie ist. Das Problem des Staates ist nur, dass er weltweit zersetzt wird vom Kapital, das auf internationale Märkte angewiesen ist. Der Börsenwert von Apple ist grösser als das BIP der Schweiz. Bereits heute haben internationale Konzerne die Rechtsstaatlichkeit untergraben. Syngenta wurde in Brasilien verurteilt, weil die firmeneigene Söldnertruppe Protestierende landlose Bauern massakriert hat. Die Nationen sind vielerorts seit dem alten Kolonialismus gleichbedeutend mit Wirtschaftszonen, bewusst schwach gehaltene staatliche Strukturen bedeuten weniger Hindernisse für die Konzerne der europäischen Staaten. Frankreich hat im neuen Kolonialismus, in den letzten 40 Jahren, über 50 Mal militärisch in Afrika interveniert. Auf der anderen Seite verlieren die Staaten ihre Bürgerinnen und Bürger. Anders als früher ist die Aufteilung der Menschheit in Klassen zwar nicht mehr so einfach. Klar ist aber, dass 1% der Menschen 46% der Ressourcen besitzt. Und erschütternd ist, dass unter der ehemaligen Arbeiterschicht eine neue Klasse entstanden ist. Weltweit leben heute 2 Milliarden Menschen (das sind die verlorene Bürgerinne und Bürger) ohne jeden Zugang zu den Märkten. In dieser Gesellschaft, die Menschsein mit marktwirtschaftlicher Teilhabe verbindet, ist diesen 2 Milliarden damit das Existenzrecht schon fast entzogen. Die Staaten der Völker werden hinsichtlich ihrer tatsächlichen Macht zerstört, was übrigbleibt, ist inhaltsleere Volkstümelei, machtlose/ohnmächtige Nationalismus-Staaten. Nach innen Vermittler nationaler Emotionen, nach aussen Erfüllungsgehilfen der Konzerne.

Der Grund für diesen Exkurs: Ich will euren Blick damit auf die grosse Welt lenken und ich will euch ermuntern, diesen allumfassenden Blick nie zu verlieren, schon gar nicht am Abstimmungssonntag. Die Zerstörung der Demokratien können wir bekämpfen durch internationales Interesse, Transnationalisierung der Politik und Solidarität. Die Welt hat immer wieder grosse Katastrophen erlebt, auch heute gibt es davon einige. Ob wir es schaffen, unseren Blick über den Horizont erweitern, ist massgebend für die erfolgreiche Bekämpfung dieser Katastrophen und schliesslich des Faschismus.

Ich will mit diesen Bemerkungen zu den Staaten aber auch etwas vermeiden: Diese Begrüssung ist nicht wie üblich ein moralisierender Aufruf, sich demokratisch zu engagieren. Wenn der Eindruck entsteht, die heutige Jugend würde sich politisch zurückziehen, so liegt das auch daran, dass die heutige Jugend nicht dumm ist. Wir sehen genau, dass gut gemeinte Partizipation durch ihr integrierendes Wesen immer auch einen repressiven Anteil hat. Wenn junge (oder alte) Menschen also den Wert der Teilnahme am demokratischen System nicht sehen, hat das durchaus seine Gründe. Es ist ein Zeichen dafür, dass für die Rettung der Demokratie eine grosse globale Veränderung nötig ist. Und dafür wiederum seid ihr JungbürgerInnen gefordert, genau wie ich und wir alle.

Zurück