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Jenseits von Gut und Böse?

GUIDO DERUNGS.

Der Gutmensch ist ein naiver Hoffnungsträger der sich als Gegenpol einer asozialen Leistungsgesellschaft einen Namen gemacht hat. Empathie und Nächstenliebe machen die Substanz eines Gutmenschen aus, jedoch raubt uns das gegenwärtige Staatswesen zunehmend solche substanziellen Eigenschaften. Was aber kaum verwundert. Denn durch anonymisierte Hilfestellungen bei Krankheit oder bei finanziellen Engpässen realisieren wir die erhaltene Unterstützung meist gar nicht und fühlen uns dadurch nicht verpflichtet, selbst Hilfe anzubieten. Folglich kann man einer bevormundeten Gesellschaft nicht menschliches Fehlverhalten vorwerfen, sondern kollektive Kurzsichtigkeit. Kurzsichtigkeit, die es uns nicht ermöglicht, die kausalen Zusammenhänge zwischen rücksichtslosem Wirtschaften und humanitären Missständen zu erkennen. Wir leiden unter Wohlstandsblindheit und der gutmenschliche Hoffnungsfunke wird von pseudo-intellektuellen Prognosen im Keim erstickt. Der Ökonom als Henker der Hoffnung, als Schlächter der Barmherzigkeit, raubt den potentiellen Jungpolitiker_innen und Umweltaktivist_innen die Intention Gutes zu bewirken. Schlussendlich liefern Ökonomen und rechtspopulistische Parteien nur eine argumentative Legitimierung fürs Tatenlose-Dahinvegetieren. Der Regenwald ist so oder so verloren, die Polkappen schmelzen auch ohne menschliches Tun und aktiver Klimaschutz tötet den Kapitalismus.

Für die bürgerliche Mitte ist Klimaschutz eine festlich untermalte Hinrichtung der freien Marktwirtschaft, und somit auch eine Liquidierung von Wohlstand und materiellem Überfluss. Dekadenz spiegelt sich im Vorplatz eines überdimensionalen Einfamilienhauses. Der SUV als Symbol der Masslosigkeit, ohne ihn schwindet die Gliedverlängerung des Mannes und das Kraftpotenzial der Frau. Ohne ihn wirkt der Freitod zunehmend attraktiver, denn wer einmal in den Genuss von Gold und Anerkennung gekommen ist, kann sich eine Existenz ohne Vergleichbares kaum vorstellen. Das Wort Wohlstandsabbau kommt für viele einer Hiobsbotschaft gleich. Sämtliche Bemühungen das kapitalistische System anzupassen, werden in der öffentlichen Meinung mit Marxismus, Bolschewismus bis hin zu Maoismus in Verbindung gebracht und erleiden daher einen Kollateralschaden. Die Dunkelheit dieser Tragödien wird benötigt, um aktivistischen Vorstössen einen bösartigen Stempel aufzudrücken, nur so wird die kapitalistische Maschinerie am Leben erhalten. 

Zuletzt bleibt der naive Gutmensch. Mit seiner unbändigen Hoffnung trotz vorherrschendem Pessimismus tatsächlich etwas bewirken zu können.

 

Quelle Frontbild:

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/unwort-des-jahres-2015-gutmenschen-das-sind-immer-die-anderen/12820480.html# (Zugriff: 09.10.2019)

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