Login

Immer zuerst Mensch

JO VERGEAT.

Ich bin jung, unerfahren, aktiv und weiblich. Also quasi das Feindbild aller Weisheit. Und ich erlebe in meiner noch so kurzen Politikkarriere, ich sag jetzt mal Karriere, weil das klingt gut und das tut gut, viele Pathologien. Und das war sie schon, die erste von vielen Pathologien der Politik. Ich reds mir gut. Weil dann klingts gut und das tut gut. Wir werden gleich im Wiegebett der Politik schon angesteckt mit dieser Krankheit uns selbst und allen andern alles gut zu reden. Denn wenn wir ehrlich sind, ist doch vieles einfach gar nicht gut, aber das zu hören klingt nicht gut und tut nicht gut. Zumindest nicht immer und vielleicht nicht jetzt. Zurück also zum Laufgitter der Politik. Wir schreien da unsere ersten Demoparolen oder kriegen unser erstes Vorstandsamt und nehmen an und freuen uns und müssen auf ein Foto und wollten eigentlich nur mal schnuppern und jetzt sind wir schon im Vorstand und dann übermorgen im Bundersrat. Puuh. Denken wir, als alle Glückwünsche und das Schönreden von aussen ein Ende nehmen. PUUH. Hätten wir doch nochmal nachgefragt, was das denn wirklich heisst. Und oh, ich riech sie schon die zweite Pathologie der Politik. Aber vorerst zurück zu. „Hey ich bin imfall jetzt im Vorstand der jungen grünen, ja hey, das ist super, macht NUR Spass imfall, und die Leute sind alle toll und ich lern so viel. Ja, es braucht schon viel Zeit, aber komm, ein Abend pro Woche, was für eine bessere Zukunft tun ist wohl nicht zu viel verlangt“ und es hört sich so gut an und manchmal trinkt man sich Mut an und das tut halt gut. 

Also sitzt man dann da und die Zeit vergeht mit jedem Glockenschlag. Hörst Du die Sekunden? 21, 22, 23 – nicht nur Sekunden zählt es hier, nein Jahre. Und dann sitzt man plötzlich so in der Finanzkommission und liest was über aktivierbares Mobiliar und stellt sich gerade vor wie da unter dem Rathaus ein ganzes unterirdisches Gängesystem voller inaktiver Stühle und Bänke und Tische hängt und Netflix kuckt. Und dann schauen einen 10 Köpfe an und man denkt nur so: hä? Zwischen all den vielen Zahlen, den Witzen der Gewitzten, dem Gähnen der Gewählten und dem Wettern übers Wetter hier im Merian wird's still. 

Denn es gibt Tage da stelle ich Fragen und wenn ich es denn wage diese Frage so zu stellen wird es still. 

Und ich wagte es zu fragen und es war still. Wirklich‚ ne Antwort krieg ich nicht, sondern nur eitles Lachen, leicht nervös: Pompöses Unwissen nenn ich das. Und dann ist es vorbei! Ich weiss nicht mehr, nur weiss ich sicher, dass auch sie nichts wissen und dieses Wissen hilft. Für den Moment. Denn wir alle kochen mit Wasser. Manche halt schon bisschen länger als ich. Das pompöse Unwissen schleicht sich langsam an, übernimmt zuerst nur langsam erste Funktionen und entscheidet dann  rasant über alle Funktionen des Gehirns. Hier haben wir sie: die zweite Pathologie der Politik. Wir stellen hier lieber weniger Fragen, denn wer wagt etwas zu fragen oder gar zu hinterfragen, gibt sich preis. Darum fragen wir nicht, oder nur unter hervorgehaltenem Blatt, ob das nun Hand und Fuss hat oder doch nur Kopf und Schulter. Wir geben öfter zu etwas zu wissen als wir das pompöse Unwissen zugeben. Denn wir wissen viel und für manche müssen wir alles wissen, schon am ersten Kitatag der Politik. Und dann lachen wir nervös, weil keine Antwort auch eine Antwort ist und weil keine Antwort halt auch keine Lösung ist und dann reden wir um den Brei herum. Manche besser als andere, manche weniger als andere, aber ja, das passiert schon mal. Und wenn dann alle Fragen auf Dich gerichtet, alle Ohren zu Dir gedreht und alle Augen scharf gestellt, dann fragt man sich mal eine Frage mehr. Die Kernfrage politischer Pathologie. Hey, sag mal, wo hört meine Rolle auf? Bestimmt sie meinen Tagesablauf? Und wer bin ich? Bin ich wichtig? Oder sind menschliche Züge nichtig? Und dann dreht das so in Deinem Kopf und während Du gut reden um den Brei rumschwatzt, fragst Du Dich, bin das noch ich? Oder redet hier nur die Parteien-Polizei? Was ist meine Meinung? Mit wem bin ich befreundet? Wo ist mein Team? Und nach dem Frageschwall kommt die Ernüchterung. Ganz genau weiss man das irgendwie nie, vor allem nicht im Wahlkampf.

Dann wenn plötzlich alle ihre Zähne schleifen, die fairen Lächeln polieren und Wände zieren. Dann bleibt von dem Schwall nur eine Frage übrig.

Zu meiner oder Deiner Partei? Du oder ich? Und das ist der bösartige Tumor unserer Politik.

Anstatt im Wissen wer wir sind weiter zu machen, wird der Mond voller je näher der Zahltag rückt und wir lernen noch als Primarschüler der Politik, dass irgendwo die Grenzen verschwimmen und man nur noch sein Ziel sieht. Und dann tut es gut, können wir um den Brei reden und es braucht schon Mut, nicht nur der Partei wegen, irgendeine Sache zu platzieren und so andere zu blamieren. Und ich bin froh kommt bald der Vollmond und dann bald der Leermond, der die Köpfe leert von Kampf und Differenz und füllt mit Kompromiss und Dialog. Denn hinter Werwolfzähnen und Wahlkampfthemen und gegenteiligen Idealen sind wir eins. Das zeigt die Pathologie. Wir sind Mensch. Und auf kampfwütige, ausgeklügelte, professionalisierte Rollen folgt gleicher Musikgeschmack, ein Sieg vom FCB, ehrliche Erschöpfung und Mut. Also zumindest meistens, und nach wütenden Diskussionen kann man dann auch mal wieder lachen, über komische Versprecher, traurige Fakten oder schlechte Laune. Wir sind doch alle gleich. Same, same but different. Wir sitzen ja alle im gleichen Boot und das Boot ist nicht voll, aber es wackelt und jede Steuerfrau und jeder Steuermann ist froh, wenn man sicher an den Hafen kommt. Wir wollen Lösungen und Ziele und wir wollen sie Same, same und halt doch different. Politik bringt viel hervor, Differenzen, Wertbilder und Kultur aber in erster Linie Engagement und zu Engagement gehört immer zuerst Mensch. Danke.

Zurück